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Dienstag, 11. Oktober 2016

Nie genug Geld





Ich lernte Peter Mierz vor ungefähr vier Jahren kennen. Das exakte Datum zu nennen ist mir nicht möglich, aber ich vermute, dass es im Mai 2011 war.
Ich stand an der Bar in meinem Lieblingsrestaurant und trank, wie ich annehme, Bier, denn das ist mein Lieblingsgetränk. Irgendwie kamen wir, also Peter und ich, ins Gespräch, denn schließlich kommen die Leute beim Trinken zusammen.
Mit Sicherheit kann ich sagen, dass Mierz vor diesem Abend nicht im Restaurant gewesen war, denn wäre er das, hätte ich mich an ihn erinnert. Ich pflege nämlich jeden Abend dort an der Bar zu stehen.
Er war, sofern ich mir ein Urteil diesbezüglich anmaßen darf, ein durchaus attraktiver Mann von damals vierundzwanzig Jahren. Der Anzug, den er am Abend unseres Kennenlernens trug, war von Armani. Ich weiß das, denn Peter Mierz zog sein Sakko zwar nicht aus, sondern lehnte lässig so am hölzernen Handlauf der Bar, dass ich das eingenähte Schildchen mit dem Markenamen nicht übersehen konnte. Ich war schnell davon überzeugt, dass er über eine gewisse Summe an Geld verfügen musste, schließlich hielt er mir seine Armbanduhr, eine Breitling, einige Male vors Gesicht.
Geld war das Thema, über das er am liebsten sprach. Mir war keineswegs daran gelegen, darüber zu sprechen, denn ich erachte Geld für unwichtig und an Besitz liegt mir generell nicht viel. Es ist nicht so, dass ich als arm bezeichnet werden kann, ich habe ein gutes Auskommen, doch behalte ich diesem Umstand für gewöhnlich für mich.
Jedenfalls weiß ich bis zum heutigen Tag nicht, warum ausgerechnet ich an den jungen Mann geraten bin. Ich vermute mal, dass es einfach eine wenig glückliche Fügung des Schicksals war, so wie ein Hund nicht mit Bestimmtheit weiß, warum sich ein Floh in seinem Fell eingenistet hat und nicht in dem eines Artgenossen.
Peter Mierz war, wie ich leicht an seinem Akzent erkennen konnte, gebürtiger Deutscher.
“Aus Hamburg”, sagte er. “Ich lebe jedoch seit meinem vierten Lebensjahr in Wien.”
“Womit verdienst du dein Geld, Peter?”, fragte ich.
“Ich bringe Menschen zueinander”, gab er zurück.
In meiner Unbedarftheit dachte ich bei dieser Tätigkeitsbeschreibung an die Leitung einer gut gehenden Partnervermittlung und fragte nicht weiter.
Wir standen an der Bar und sprachen, wie bereits erwähnt, über Geld. Genau genommen sprach Peter darüber und ich ließ ihn reden.
Er klärte mich über die Vorteile auf, die es haben würde reich zu sein: schnelle Autos, teure Kleidung, handgefertigte Zeitmesser und natürlich die schönsten Frauen. Innerlich war mir zum Lachen zumute, doch blieb ich ernst und wagte sogar, ihm eine sehr persönliche Frage zu stellen:
“Sag, Peter, wie viel Geld ist genug?”
“Ich verstehe deine Frage nicht.”
“Dann formuliere ich sie anders: wie viel Geld müsstest du auf der hohen Kante haben, damit du zu dir selbst sagen kannst: ‘Ich habe nun genug Geld, ich brauche kein weiteres Geld’?”
Diese Frage war weniger persönlich als vielmehr entlarvend, wie seine Reaktion erkennen ließ. Peter Mierz sah mich ehrlich erstaunt an, so ehrlich, dass seine Verwunderung unmöglich gespielt sein konnte. Dass sie dies nicht war, weiß ich heute übrigens gesichert.
“Was für eine Frage!”, antwortete er. “Man kann nie genug Geld haben.”
Ich war, das gebe ich zu, zu gleichen Teilen angeekelt, überrascht und amüsiert. Ein junger Mensch, der so versessen auf Geld war, also das hatte schon was.
Ich beschloss ihn näher kennenzulernen um herauszufinden, was ihn antrieb. Vielleicht hatte er ja den Bankrott seines Vaters miterleben müssen und war nun beseelt von dem Gedanken, niemals wieder ohne Geld oder gar mit Schulden dazustehen. Eventuell hatte er mit zwanzig bereits eine Firma besessen und diese verloren; oder er hatte einfach zu viele Comics gelesen und träumte davon, einen hausgroßen Geldspeicher zu besitzen, um darin in seinen Münzen ein Bad zu nehmen. So dachte ich an diesem Abend.
Wir vereinbarten ein Treffen für den übernächsten Abend im selben Restaurant.
Zu Hause erzählte ich meiner Frau von dem sonderbaren jungen Mann. Sie, die ebenso wenig auf Besitz gibt wie ich, war neugierig auf Peter, also bot ich ihr an, sich einfach zu uns an die Bar zu gesellen.
Sie lehnte mit der Begründung ab, dass Peter dann wohl nicht so frei sprechen würde wie mit mir alleine. Zu mir hätte er schließlich Anfangsvertrauen gefasst.
Zwei Tage später traf ich Peter Mierz erneut. Wir standen an der Bar, während meine Frau an einem Tisch im selben Raum saß und ihn beobachtete. Wir hatten zuvor vereinbart, dass sie sich nicht als zu mir gehörig zu erkennen geben würde, ihre Konsumation selbst bezahlen und nach zwei Stunden das Lokal verlassen würde. Die Kellnerin hinter der Bar war eingeweiht, also stand der Ergründung der Motive des Peter Mierz nichts im Wege.
Er trug, wie ich bald erkennen sollte, einen Anzug von Cerruti und eine IWC.
Wir verschwendten keine Zeit darauf, über Belangloses zu sprechen, sondern kamen sofort auf den Punkt.
“Ich habe über deine Antwort auf meine Frage von vorgestern nachgedacht, Peter”, sagte ich, nachdem wir unsere Biere erhalten und einander zugeprostet hatten.
Der junge Mann lächelte wissend und sagte: “Und? Stimmst du mir zu?”
“Nein, das tue ich nicht. Mir ist die Gier nach Geld fremd, ich bin in dieser Hinsicht offenbar anders gestrickt als du, aber egal. Mich interessiert, warum du den Hals nicht vollbekommen kannst.”
“Ich bin eben ein Sammler. Geld, Uhren, Anzüge, Uhren, Frauen - all diese Dinge sammle ich”, versuchte er mich aufzuklären, doch ich sah und hörte ihm an, dass das eine Lüge war.
Einen Augenblick lang war ich versucht darauf einzugehen, doch erkannte ich die Sinnlosigkeit eines solchen Unterfangens. Ich hätte bloß Zeit darauf verschwendet, mir die Märchen anzuhören, die er mir zweifellos aufgetischt hätte.
“Verdienst du wirklich soviel Geld mit deiner Partnervermittlung?”, fragte ich.
Er sah mich an, erst verwundert, dann belustigt. Schließlich brach er in schallendes Gelächter aus.
Meine Frau sah von ihrem Teller auf und warf mir einen schelmischen Blick zu. Ich hatte ihr von meiner Vermutung mit der Partneragentur erzählt und sie hatte mich ausgelacht. Ihr Blick bedeutete mir, dass sie, ohne das Gespräch mitgehört zu haben, erkannt hatte, dass mir meine schöne und unbedarfte Theorie herausgerutscht war.
“Also wenn es das ist, was du glaubst, womit ich mein Geld verdiene, liegst du ganz falsch.”
“Aber du hast doch selbst gesagt, dass du Menschen zueinander bringst.”
“Das tue ich auch, aber nicht als Partnervermittler!”, sagte er mit gespielter Entrüstung.
“Inwiefern bringst du denn dann Menschen zusammen?”
Er zögerte seine Antwort hinaus. Mir schien dass er überlegte, ob ich vertrauenswürdig genug wäre, um mir die Wahrheit zu sagen. Anstatt zu antworten, stellte er mir schließlich eine Frage.
“Womit verdienst du dein Geld?”
“Ich bin im Kulturbereich tätig. Ich betreue Künstler.”
“Das klingt interessant. Sind bekannte Künstler darunter?”
Ich nannte Peter die Namen dreier Maler, die durchaus als Größen ihres Faches gelten dürfen.
Mierz wiegte den Kopf hin und her.
“Da steckt bestimmt massig Geld dahinter”, meinte er.
“Na ja”, gab ich zurück, “das meiste Geld streifen die Künstler ein, und das zweitmeiste die Galeristen.”
“Und an welcher Stelle dieser Verteilungsliste stehst du?”
“So ziemlich an letzter, aber das stört mich nicht.”
“Warum stört dich das nicht? Ich meine: da schmiert ein Maler Farbe auf eine Leinwand, kritzelt seinen Namen darunter und sagt dann: ‘So, jetzt will ich eine halbe Million für mein Kunstwerk!’”
“Das ist aber eine sehr simple Sichtweise auf die Arbeit eines Malers”, warf ich ein.
Er ging nicht auf meine leise Kritik ein.
“Und du bekommst einen Bettel für deine Arbeit, dafür dass du den Herrn Künstler betreust.”
“Ich komme zurecht, Peter. Ich brauche nicht mehr Geld.”
Meine Frau verließ das Restaurant plangemäß, also ohne uns zu beachten.
An diesem Abend versuchte ich ein weiteres Mal aus Peter Mierz herauszubekommen, worin genau seine Tätigkeit bestand, jedoch ohne Erfolg.
Zu Hause sagte mir meine Frau, dass er kein sauberer Typ wäre. Sie würde so jemanden auf den ersten Blick erkennen. Als ich gestand, dass ich nichts aus ihm herausbekommen hatte, lachte sie auf und sagte, dass es sie sehr gewundert hätte, wäre es anders gewesen.
Am nächsten Tag verbrachte ich zwei Stunden damit, Peter Mierz zu googeln.
Er war bereits als Investmentberater in Erscheinung getreten, und auch als Immobilienentwickler und Geschäftsführer eines Unternehmens, das seinen Hauptsitz in Chisinau hatte und auf den Handel mit allen möglichen Produkten sowie auf die Vermittlung von verschiedenen Dienstleistungen spezialisiert war.
Er war Hauptangeklagter in zwei Strafprozessen, einmal wegen betrügerischer Krida, ein andermal wegen Anstiftung zu schwerer Körperverletzung. In beiden Fällen war er ungeschoren davongekommen.
Junge Junge, der Mann, der so unschuldig aussah, hatte mit vierundzwanzig Jahren schon einiges auf dem Kerbholz. Ich dachte daran, den Besitzer des Restaurants, der über die Jahre mein Freund geworden war, über diesen Gast zu informieren, um ihn auf diese Art und Weise mit Lokalverbot belegen zu lassen, doch entschied ich mich dagegen. Ich wollte Peter Mierz näher kennenlernen, jedoch ohne ihn allzu nahe an mich heranzulassen.
Meiner Frau erzählte ich nichts von den Ergebnissen meiner Internetrecherche.
In den folgenden zwei Jahren traf ich Peter in unregelmäßigen Abständen, doch waren es wohl gut vierzig Abende, an welchen wir nebeneinander an der Bar standen und uns unterhielten.
Abgesehen von einer Vielzahl teurer italienischer Anzüge und Schweizer Uhren, die ich an diesen Abenden vorgeführt bekam, erhielt ich Einblicke in das Seelenleben und die Denkweise dieses Mannes. Dank Google war ich ja vorgewarnt und wusste worauf ich achten musste, sowohl in den Äußerungen als auch in der Mimik und Gestik des Peter Mierz.
Er fasste Vertrauen zu mir und ließ seinen Gedanken in diesen Gesprächen freien Lauf, vermied es aber, über seine Vergangenheit zu sprechen. Ebensowenig sprach er darüber, wie er sein Geld verdiente.
Der bleibendste Eindruck, den er auf mich machte, war die Kombination aus absoluter Gefühlskälte und hoher Intelligenz. Ich könnte natürlich noch viele andere Wesenszüge anführen: Berechnung, Halsstarrigkeit oder die erkennbar niedrige Schwelle zur Gewaltanwendung.
Mit der Zeit sprachen wir über andere Themen als Geld, doch irgendwie brachte Peter es fertig, immer wieder auf Mammon zurückzukommen, den Götzen, der vollständigen Besitz von seiner Seele ergriffen hatte.
Alle paar Wochen gab ich seinen Namen bei Google ein um zu erfahren, ob der der Liste seiner Untaten ein weiteres Verbrechen hinzugefügt hatte, doch verhielt er sich diesbezüglich ruhig, wenigstens in den ersten drei der vier Jahre unserer Bekanntschaft.
Ich bin keinesfalls so vermessen, mir diesen Umstand auf die Fahne zu heften. Es war bestimmt nicht mein guter Einfluss, der ihn in dieser Zeit strafrechtlich nicht in Erscheinung treten ließ. Wahrscheinlich betrachtete er mich als eine Art Exoten in seiner Welt oder seinem Umfeld, vielleicht als einfache, gänzlich schmucklose Krähe, die sich trotz oftmaligen guten Zuredens nicht in eine Elster verwandeln wollte.
Einmal versuchte er, mich in eines seiner Geschäfte hineinzuziehen. Drei Abende lang schwärmte er mir vor, dass ich bei Einsatz einer relativ geringen Summe, er sprach von zweitausend Euro, einen Gewinn von etwa fünfzehntausend Euro erzielen könnte, vorausgesetzt der Mann, der die Frauen nach Wien schaffen würde, wäre mit meiner Beteiligung am Geschäft einverstanden.
Mann, Peter Mierz war in der Tat gefinkelt. Zwei Abende lang versuchte er mir den Mund wässrig zu machen, indem er immer wieder auf den zu lukrierenden Gewinn zu sprechen kam. Oft lenkte er das Gespräch, das gerade von etwas gänzlich Anderem gehandelt hatte, auf dieses Thema.
Ich glaube zu wissen, dass er mir mit diesem Angebot tatsächlich nur Gutes tun wollte. Er wollte die strafrechtlich relevante Schuld bestimmt nicht teilweise auf mich abwälzen oder umverteilen. Er hatte mich wohl irgendwie ins Herz geschlossen und wollte mir aus diesem Grund zu einem Nebenverdienst verhelfen.
Ich gebe zu, dass ich interessiert war. Nicht am Geld, sondern an der eigentlichen Art des Geschäfts, deshalb wiegelte ich nicht von Anfang an ab.
Am dritten Abend rückte er mit der Wahrheit heraus, nämlich damit, dass es sich um Menschenhandel drehte. Frauen aus Moldawien und Transnistrien sollten nach Wien gebracht und dort, wie er es ausdrückte, beschäftigt werden.
Ich teilte ihm in freundlichen Worten mit, dass ich keine Möglichkeit sähe, mich an dem Geschäft zu beteiligen, jedoch ohne einen Grund für meine Weigerung anzuführen.
Er lächelte und sagte: “Ich verstehe. Das macht nichts. Dann steigt eben jemand anderes ein.”
Hatte ich meiner Frau lange Zeit nichts mehr von Peter erzählt, so setzte ich sie über dieses Angebot in Kenntnis.
Sie bat mich, obgleich diese Bitte ein Befehl war und in entsprechendem Tonfall vorgetragen wurde, den Kontakt zu ihm abzubrechen.
Ich gestehe, dass ich dieser, wohlgemerkt nur gut gemeinten, Anordnung bei zwei Gelegenheiten zuwidergehandelt habe. Das bedeutet, dass ich nach dem Gespräch mit meiner Frau noch zweimal mit Peter an der Bar stand. Diese Gespräche liefen wie gewohnt, doch am Ende des zweiten, des letzten, das ich mit ihm führen sollte, wurde er ungewöhnlich nervös.
Ich fühlte, dass er mit etwas mitteilen wollte und sah ihn mit einem Blick an, der bedeutete: ‘Komm schon, Junge! Raus mit der Sprache! Was liegt dir auf dem Herzen?’
Er verstand diese Einladung zu einem offenen Gespräch oder einer Beichte, das war klar ersichtlich. Zweimal setzte er sogar an, sich mir, wie ich annehme, zu offenbaren, doch letzten Endes schwieg er, blickte betreten zu Boden und verabschiedete sich mit tonloser Stimme.
Dann verließ er mit hängenden Schultern und gesenktem Kopf das Restaurant.
Zwei Tage später sah ich ihn in der Zeitung.
Ein Kokaindeal, der drei Millionen Euro eingebracht hätte, war schiefgelaufen, besonders für Peter, der seine Gier nach Geld mit drei Kugeln abgegolten bekommen hatte, von welchen jede einzelne tödlich gewesen wäre. Ein kleines Foto von ihm war ebenfalls abgedruckt worden.
Ich war nicht wirklich überrascht, dennoch murmelte ich betrübt, als ich sein Bild betrachtete: “Junge, warum hast du nie den Hals vollkriegen können?”


Politik





Denkst du, dass er funktioniert?

Ja, warum nicht?

Zugegeben, der Plan klingt gut. Aber wir wissen beide, welche Intention ihm zugrunde liegt.

Natürlich wissen wir das. Der Plan ist schließlich unser eigener.

Werden die Leute nicht misstrauisch werden?

Nein. Die habe ich in der Hand. Aus der fressen sie mir.

Und unsere Mitbewerber?

Die Opposition?

Also, noch sind wir ein Teil dieser Opposition. Und nicht einmal der größte.

Du siehst wieder einmal schwarz. Warte die nächste Wahl ab, da werden wir kräftig zulegen.

Dein Wort in Gottes Ohr.

Gott. Der wird uns nicht helfen. Unsere Anhänger dagegen schon.

Wenn wir sie mobilisieren können.

Wie gesagt, die Leute fressen mir aus der Hand. Wenn ich ihnen sage, dass das, was sie sehen ein X ist, glauben sie mir das. Selbst wenn es sich eigentlich um ein U handelt.

Sagen wir so: bisher haben sie es dir abgekauft.

Glaube mir, das werden sie auch weiterhin.

Ich befürchte, unser neuer Plan wird einigen von ihnen die Augen öffnen.

Und weiter?

Vielleicht fressen sie dir dann nicht mehr aus der Hand.

Was sollten sie denn sonst tun?

Sie könnten beginnen, dir in die Hand zu beißen.

Ich halte für ausgeschlossen, dass das passieren wird.

Warum ausgeschlossen?

Weil diese Leute mir immer folgen werden.

Denkst du?

Klar. Was sollen sie sonst machen?

Jemand anderem aus der Hand zu fressen beginnen.

Niemals. Dafür sind sie zu einfältig.

Mit einer derartigen Bewertung wäre ich sehr vorsichtig.

Ach was. Ich weiß schon, wie weit ich mich aus dem Fenster lehnen kann.

Und die Presse?

Was ist mit ihr? Außer dass sie mich liebt.

Sie könnte unseren neuen Plan zerpflücken, sobald sie Wind davon bekommt.

Das wird nicht passieren.

Warum nicht? Irgendwann werden wir ihn präsentieren müssen.

Natürlich. Das werden wir auch. Und die Presse wird ihn begrüßen und in unserem Sinn den Leuten schmackhaft machen.

Wird sie das?

Natürlich.

Warum sollte sie?

Weil der Plan von mir präsentiert werden wird.

Das ist logisch. Du bist schließlich unser Vorsitzender.

Eben. Und weil er von mir kommt, wird ihn die Presse goutieren.

Was ist mit den Journalisten, die dir stets kritisch gegenübergestanden haben und dies immer noch tun?

Diese ignorante Brut von Schreiberlingen werde ich bald auf meine Seite gezogen haben.

Und wie?

Indem ich dieser Brut verständlich mache, dass ich das kleinere zur Wahl stehende Übel bin.

Bisher waren sie vom Gegenteil überzeugt.

Ich kann ihre Meinung ändern. Ziemlich leicht sogar.

Wie denn? Indem du dich hinstellst und erklärst <Hört zu: ich bin ab jetzt ein ganz Braver!>?

Nein. So einfach wird es nicht werden. Leider.

Wie sonst?

Indem ich die Konkurrenz ausschalte.

Wie bitte? Wie willst du denn unsere politischen Mitbewerber ausschalten?

Indem ich der Presse Informationen zuspiele.

Was für Informationen denn?

Informationen darüber, was diese Leute privat so treiben.

Das halte ich in zweierlei Hinsicht für eine schlechte Idee.

Inwiefern?

Zum einen würden die Mitbewerber unweigerlich und ziemlich rasch der Presse Informationen über das zuspielen, was du privat treibst.

Was treibe ich denn privat?

Oder über das, was du getrieben hast, das bislang der Öffentlichkeit verborgen geblieben ist.

Schnee von gestern.

Interessante Wortwahl.

Ich nehme schon lange nichts mehr.

Aber das, was du genommen hast, hat das Zeug dazu, deinen persönlichen Schneesturm auszulösen. Ich meine, es war schließlich nicht Gras, was du konsumiert hast.

Ein Fehler, den ich gemacht habe. Na und? Jeder Mensch macht Fehler.

Aber wenn ein selbsterklärter Saubermann wie du Fehler begeht, die strafrechtlich relevant sind, sieht die Sache anders aus. Das werden dann auch die Leute so sehen, die dir heute noch aus der Hand fressen.

Diese Leute werden verstehen, warum ich das gemacht habe, wenn ich es ihnen erkläre.

Was würdest du denn sagen?

Dass ich unter immensem Druck gestanden habe und das Zeug gebraucht und nur deshalb genommen habe, um weiterhin meine ganze Energie in sie Arbeit für sie, also diese Leute, legen zu können.

Das wäre eine denkbar schlechte Erklärung.

Warum?

Weil sich sofort sämtliche Mitbewerber zu Wort melden und erklären würden, sie arbeiteten mindestens ebenso hart wie du, kämen aber ohne Drogen aus.

Damit könntest du recht haben.

Damit habe ich auch recht. Aber, um es gar nicht erst so weit kommen zu lassen: der zweite Grund, warum ich das der Presse Zuspielen von privaten Informationen für eine nachgerade fatale Idee halte, ist der, dass die Wähler niemanden werden haben wollen, der seine Konkurrenten verpetzt.

Warum nicht? Die Wahrheit ist dem Menschen doch zumutbar.

Das ist sie. Nur, einen Schlammschlachter und Steinewerfer werden die Leute nicht wählen. Schon gar nicht einen, der selbst im Glashaus sitzt.

Wie können wir dann die Konkurrenz eliminieren?

Durch die besseren Argumente. Oder das besser verbrämte Unausgesprochene. Wohlgemerkt, dies gilt für die Leute. Die Journalistenbrut, zumindest deren Elemente, die dich nicht mögen, wirst du auch so nicht auf deine Seite ziehen können.

Wie wäre das zu schaffen?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Die in ihrer Ideologie sattelfesten Schreiberlinge wirst du nie für dich gewinnen können. Die anderen eventuell durch Deals.

Deals? Was für Deals?

Das in Aussicht Stellen von Werbeinseraten zum Beispiel. Oder das Versprechen, dass du die Presseförderung erhöhen wirst.

Aber das ist ja genau das, was ich nicht möchte. Unser neuer Plan sieht das Gegenteil vor.

Das weiß ich. Ich habe ihn schließlich mitentworfen.

Wie kann es dann funktionieren?

Wir könnten den Plan ändern, ihn ein wenig modifizieren.

Den Plan ändern? Bist du verrückt?

Wir könnten ihn ja folgendermaßen ändern: wir ziehen nicht das Geld für die Förderung der Presse und der Kultur heran, sondern jenes für Soziales und Justiz.

Das klingt nicht schlecht. Auf diese Weise fahren wir der Journalistenbrut nicht direkt an den Karren.

Eben. So liefern wir der Brut keinen unmittelbaren Anlass, auf uns hinzuhacken. Vielleicht sollten wir den Plan sogar dahingehend ändern, dass wir eine Erhöhung der Presse- und Kulturförderung hineinpacken.

Das wäre vielleicht ganz gut. So würden sich die Schreiberlinge gebauchpinselt fühlen. Das kann uns nur helfen.

Und die uns gegenüber kritischen sogenannten Intellektuellen wären auch zum Mundhalten gezwungen. Wo sie doch mehr Geld von uns erhalten werden.

Die Frage ist bloß: Wie werden die Leute aus dem Sozialbereich und der Justiz auf unseren Plan reagieren?

Ich glaube, dass deren Protestgeschwafel ungehört verklingen wird. Ich meine, den Sozialbereich versteht ohnehin niemand wirklich. Und was die Justiz anlangt: wer hat schon eine Freude mit der Justiz?

Ich sicherlich nicht.

Ich auch nicht. Wenn dieses Lüftchen im Wasserglas vorüber ist, kannst du deine Manualnahrungsaufnehmer auf Kurs bringen.

Allzu schwer wird mir das nicht fallen. Zumal der essenzielle Punkt des Planes ohnehin allen, die uns für unser Kernthema lieben und uns deswegen wählen, nach dem Maul redet.

Eben. Wir stehen für Sicherheit. Da kommt unser Plan gerade recht.

Und wenn das Geld nicht ausreicht?

Das Geld wird keinesfalls ausreichen. Um eine schlagkräftige Armee aufzubauen wird auch das Geld für Presse- und Kulturförderung nicht reichen. Aber wir werden das schon hinbekommen. Der Plan wird umgesetzt.

Das wird er. Ich habe dann ja freie Hand.