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Mittwoch, 12. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 2

2


»Wo soll es denn so spät noch hingehen?« Der Mann hinter dem Fahrkartenschalter des Bahnhofs war offensichtlich verärgert ob der Unterbrechung seiner Lektüre einer schlichten Zeitschrift.
»Um die Wahrheit zu sagen: ich weiß es nicht genau«, gab Michael zurück. »Wohin fahren denn heute noch Züge?«
»Sie könnten sich in den Nachtzug nach Rom setzen.«
»Wissen sie was? Das ist eine gute Idee.«
»Schlafwagen, erste Klasse oder zweite Klasse?«
»Eine Fahrkarte für die zweite Klasse nach Rom, bitte.«
Michael bezahlte und nahm im Zugabteil Platz. Eine Frau saß bereits darin und las in einem Buch eines Michael unbekannten Autors.
Sie war, wie Michael, sechsunddreißig Jahre alt und hieß Christina, wie er bald erfuhr. Sie war auf dem Weg nach Florenz, um ihren Freund, der dort arbeitete, zu besuchen.
»Was machst du in Rom?«
»Ich weiß es nicht. Ich bin einfach zum Bahnhof gefahren, habe mir eine Fahrkarte gekauft und sitze nun hier und bin auf dem Weg nach Rom.«
Sie sah ihm lange in die Augen. »Einfach so, was?«
Erst hielt er ihrem Blick stand, senkte dann jedoch die Augen zu Boden und sagte mit tonloser Stimme: »Ja. Einfach so.«
»Möchtest du mir sagen, was los ist?« Sie begab sich in eine bequeme Sitzhaltung.
»Ehrlich gesagt, weiß ich es selbst nicht. Ich bin im Salzamt, meinem Stammlokal, gesessen, und plötzlich war das unbestimmte Gefühl des Unbehagens wieder da.«
»Und davor läufst du nun weg, vor diesem Gefühl?«
»Ich habe mir gedacht, dass mir Luftveränderung bloß guttun kann.«
Christina lächelte wissend. »Das mit der Luftveränderung kenne ich gut.«
»Wirklich?«
»Ja. Ich bin schon oft davongelaufen.«
»Wovor?«
»Das habe ich erst erkennen können, als ich mich diesen Gefühlen gestellt habe.«
»Gestellt habe ich mich ihnen schon viele Male. Ebenso oft habe ich sie analysiert.«
»Und dann sind sie irgendwann verschwunden?«
»Ja. Manchmal sind sie gleich abgeklungen, dann hat es wieder etwas länger gedauert.«
»Und was war heute anders?«
»Ich weiß es nicht. Ehrlich. Ich glaube, ich habe unbewusst beschlossen, mich meinem Unbehagen an einem mir fremden Ort zu stellen.«
Sie lachte. »Und du glaubst wirklich, dass eine so große und pulsierende Stadt wie Rom der geeignete Ort dafür ist?«
Michael zögerte, dann lachte auch er. »Nein, vermutlich nicht.«
»Die Ablenkungen und Versuchungen sind in einer solchen Stadt einfach zu groß, glaube mir. Ich weiß wovon ich spreche.«
»Wo soll ich es dann versuchen?«
»Diese Frage kannst nur du dir selbst beantworten, beziehungsweise kannst nur du selbst einen Ort als den für dein Vorhaben richtigen bestimmen.«
»Und wie finde ich heraus, ob ein Ort der richtige ist?«
»Das sagt dir dann dein Gefühl, deine innere Stimme.«
»Glaubst du, dass Florenz ein geeigneterer Ort als Rom ist?«
»Für mich persönlich nicht. Jedenfalls nicht, um mit mir selbst ins Reine zu kommen. Aber die Toskana vielleicht.«
»Wo in der Toskana?«
»Wie gesagt, das musst du selbst erfühlen. Aber es gibt so viele schöne und abgeschiedene Flecken dort, dass ich mir sicher bin, dass du einen für dich passenden finden wirst.«
»Du hast recht. Rom ist sicher nicht der passende Ort für mich. Ich werde mit dir in Florenz aussteigen.«
»Und was wirst du dann tun?«
»Ich werde zwei oder drei Tage in Florenz verbringen und mir die Stadt anschauen. Vielleicht besuche ich die Uffizien, vielleicht auch nicht.«
»Weißt du schon, wo du schlafen wirst?«
»Nein, aber irgend ein Hotel wird schon ein Zimmer frei haben.«
»Und dein Hotel in Rom?«
»Ich habe kein Hotel in Rom. Ich bin einfach in den Zug gestiegen.«
»Solltest du kein Zimmer finden, melde dich bei mir. Mein Freund hat bestimmt nichts dagegen, dass du für zwei Nächte auf dem Sofa schläfst«, sagte Christina und nannte ihm ihre Telefonnummer.
»Vielen Dank, aber ich möchte niemandem zur Last fallen.«
»Keine Ursache.« Sie lachte. »Aber du weißt: wenn alle Stricke reißen sollten, kannst du dich aufs Sofa hängen.«
Sie legten die Sitze im Zugabteil um und sich, so gut es eben ging, schlafen.
Der Nachtzug erreichte Florenz und Michael und Christina stiegen aus.
»Also, du weißt nun: höre auf deine innere Stimme.«
»Das werde ich, glaube mir. Vielen Dank, dass du mir die Augen geöffnet hast.«
Sie umarmten sich. Christina stieg in ein Taxi vor dem Bahnhof und Michael schlenderte, seine Tasche umgehängt, in die Innenstadt von Florenz.

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