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Mittwoch, 12. Oktober 2016

D. E. d. F., Kapitel 3

3


Er fand bald ein Hotel, das Zimmer frei hatte. Der horrende Preis, zu dem er eines von diesen belegen durfte, störte ihn nicht. An der Rezeption erhielt Michael einen gefalteten Stadtplan von Florenz, auf welchem die Sehenswürdigkeiten der Stadt ausgewiesen und in wenigen Worten erklärt waren.
Michael ging, den Stadtplan als Orientierungshilfe in der Hand, durch die engen Gassen der Stadt. Mehrere Male stand er vor im Plan eingezeichneten Sehenswürdigkeiten, doch betrat er sie nicht. Er gab sich damit zufrieden, die Portale der Bauwerke zu betrachten, der Antrieb, auch deren Inneres zu sehen, fehlte ihm.
Das Gefühl des Unbehagens, das ihn nach Italien hatte reisen lassen, war nicht abgeklungen. An diesem ersten Tag ging er stundenlang durch die Gassen, er überquerte auch den Fluss und ließ auch den Stadtteil auf der anderen Seite des Arno auf sich wirken.
Er saß in einem kleinen Café abseits der Touristenpfade im Gastgarten, trank einen Latte und aß ein Stück Mehlspeise. Eine Frau, Michael schätzte sie auf Ende fünfzig, fragte ihn auf Englisch, ob sie sich an seinen Tisch setzen dürfte, denn es wäre kein anderer Tisch frei. Er bejahte, und sie kamen ins Gespräch. Wie er bald herausfand, war die Frau Österreicherin. Sie war auf Urlaub in Italien, dessen mittleren Teil sie bereisen wollte, wobei sie, wie sie sagte, besonderes Interesse an der Schönheit der toskanischen Landschaft hatte.
»Und was führt sie in das schöne Florenz?«, fragte sie.
»Ich weiß es selbst nicht so genau«, gab Michael zurück.
»Haben sie schon die Uffizien und den Dom besucht?«
»Besucht habe ich sie, ja. Doch habe ich sie bloß von außen gesehen. Ihre Schwellen habe ich nicht überschritten.«
Ein erstaunter Ausdruck trat in die Augen der Frau. »Warum denn nicht? Von außen sind diese Bauwerke zweifellos wunderschön, doch was sich in ihnen befindet, ist bei Weitem schöner.«
»Ich weiß, doch ich habe es nicht fertiggebracht, sie zu betreten.«
»Das ist sehr schade. Wie lange wollen sie in Florenz bleiben?«
»Ich werde spätestens übermorgen weiterziehen.«
»Wohin, wenn ich fragen darf?«
»Ich weiß es noch nicht.«
»Wonach sind sie auf der Suche? Nach Kunst offenbar nicht.«
Michael blickte sie ratlos an. »Ich habe keine Ahnung, was ich suche. Ruhe und Abgeschiedenheit, vermute ich.«
»Wie alt sind sie denn?«
»Ich bin sechsunddreißig Jahre alt.«
»Das ist ein gutes Alter um sich zu finden. Sind sie verheiratet oder auf andere Weise gebunden?«
»Ich bin glücklich geschieden und frei.«
»Das bedeutet, sie haben den Hass auf ihre Ex-Frau für sich selbst in eine Art von Glück umgewandelt, um nicht länger leiden zu müssen. Und wenn sie sagen, sie wären frei, bedeutet das, dass sie einsam sind.«
Michael sah ihr direkt in die Augen, so wie Christina es bei ihm im Zug gemacht hatte. Ihr entging sein Blick nicht, in dem sowohl Erstaunen, Ungläubigkeit als auch Hilflosigkeit lag.
Milde lächelnd sagte sie: »Sie fragen sich bestimmt, wie ich darauf komme. Nun, ich bin gut im Lesen von Mienen. Daher weiß ich, wie es in ihrem Inneren aussieht. Aber haben sie keine Sorge, vielen anderen Menschen geht es gleich. Auch mir selbst ging es vor vielen Jahren so.«
Michael brachte kein Wort heraus, also fuhr sie fort.
»Als meine erste Ehe in die Brüche ging und ich mit zwei Kindern ohne Geld dastand, wusste ich nicht weiter. Ich suchte damals, so wie sie heute, nach Ruhe, nach einem Ort, an dem ich ganz ich selbst sein konnte, doch habe ich keinen solchen Ort finden können.«
Er sah sie fragend an.
Sie fuhr fort. »Also habe ich mich von meiner Not zu einer wahren Untat hinreißen lassen.« Sie machte eine Pause.
Michael dauerte diese Pause zu lange, also fragte er mit ruhiger Stimme, obgleich er höchst gespannt und aufgeregt war: »Ja?«
»Nun, ich habe mich mit einer Schachtel Barbiturate in die Badewanne gelegt und-« Sie stockte.
Michael gab ihr Zeit, sich zu sammeln.
Sie schob den linken Ärmel ihrer Bluse hoch und hielt ihm Die Innenseite ihres Handgelenks hin. »Sehen sie die Narben?«
Er ergriff ihren Arm, zog ihn sanft zu sich und betrachtete ihn. Er konnte einige bereits verblasste Narben erkennen. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Für Michael, der niemals an Selbstmord gedacht hatte, war dies eine ebenso ungewöhnliche wie erschreckende Erfahrung.
»Ja«, sagte er leise. »Ich sehe sie.«
»Mein Sohn, er war damals vierzehn Jahre alt, hat mich in der Badewanne gefunden und den Notarzt verständigt.«
»Sie haben großes Glück gehabt.«
»Ja, das habe ich. Können sie sich denken, weshalb ich ihnen so offen gesagt und auch gezeigt habe, wozu Menschen fähig sein können, wenn sie Gefühlen ausgesetzt sind, mit denen sie nicht umgehen können?«
Michael konnte es sich denken. Dennoch sagte er, um sich Zeit zu geben, das eben Gehörte und Gesehene zu verarbeiten, und auch, um seine eigene Lage, zumindest für sich selbst, als gänzlich unbedenklich hinzustellen »Nein.«
»Ich habe ihnen das erzählt, weil ich das Gefühl habe, natürlich ohne sie näher zu kennen, dass sie eher früher als später einen Ort der Ruhe finden sollten.«
»Und wo finde ich einen solchen Ort? Wissen sie einen?«, gab er mit reserviertem Ton in seiner Stimme und in entsprechender Körperhaltung zurück, jedoch wusste er um den Ausdruck der Ratlosigkeit in seinen Augen.
»Es gibt viele solche Orte. Das kann eine grüne Wiese sein, durch die ein Bach fließt, das kann ein Baum in einem Wald sein, die Augen und die Nähe eines bestimmten Menschen, oder auch ein Kloster.«
»Ein Kloster?«, fragte Michael verwundert. Mit Religion hatte er nichts am Hut.
»Ja, ein Kloster. Nachdem ich versucht hatte, mir das Leben zu nehmen, habe ich mir eine vierwöchige Auszeit in einem Kloster genommen. Das war zu diesem Zeitpunkt genau das Richtige für mich.«
»Was haben sie dort gemacht?«
»Nicht allzu viel. Ich habe die Ruhe dort genossen und mich meinen Dämonen stellen können. Und ich habe sie letztlich besiegt.«
»Wie haben sie sie besiegt?«
»Durch die Ruhe an diesem Ort war ich gleichsam auf mein Selbst zurückgeworfen, musste mich mit meinem Inneren beschäftigen. Natürlich haben mir auch der geregelte Tagesablauf und die Gespräche mit den Nonnen geholfen.«
Michael schwieg.
Die Frau beglich ihre Rechnung und sagte: »Ich wünsche ihnen alles Gute und hoffe für sie, dass sie bald einen Ort finden, an dem sie sich befreien können von was auch immer sie belastet.«
»Ich wünsche ihnen auch bloß das Beste und danke ihnen für dieses sehr gute und lehrreiche Gespräch.«
»Danken sie mir, indem sie nach ihrem Ort suchen.«
»Das werde ich.«
Die Frau verließ den Gastgarten des Cafés. Michael bestellte sich einen weiteren Latte und dachte über das nach, was sie gesagt hatte.
›Ein Kloster kommt für mich wohl nicht infrage. Eine Wiese mit einem Bach, ein Baum oder ein Mensch viel eher. Doch wo finde ich wenigstens einen dieser drei Orte? Oder passt vielleicht etwas ganz anderes besser für mich? Vielleicht finde ich auch gar nichts Passendes und lege mich in die Badewanne, so wie die Frau? Nein, das bestimmt nicht. Selbstmord kann nie die Lösung sein.‹
Er trank seinen Latte aus, bezahlte und schlenderte in Gedanken versunken durch die im Laufe des Nachmittags dunkler gewordenen Gassen zu seinem Hotel. Dort angekommen, legte sich Michael angezogen auf das Bett und sah sich die Übertragung eines Fußballspiels an. Er wusste erst nicht, zu welcher Mannschaft er halten sollte, doch da er in seiner Jugend einen Freund namens Milan gehabt hatte, hielt er zu der, die diesen Namen trug.
Er aß im Restaurant des Hotels eine Kleinigkeit und beschloss, das Nachtleben von Florenz zu erkunden.
›Vielleicht lerne ich ja heute Nacht diesen bestimmten Menschen kennen, dessen Nähe und Augen der mir bestimmte Ort sind, an dem ich mich von meiner Last befreien kann.‹
Er nahm eine Dusche, legte frische Kleidung an und fragte den jungen Mann an der Rezeption, welche Lokale er aufsuchen sollte, um einen guten Eindruck des örtlichen Nachtlebens zu erhalten. Dieser gab bereitwillig Auskunft und Michael machte sich auf den Weg.

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