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Mittwoch, 12. Oktober 2016

Das Ende der Flucht, Roman, Kapitel 1

1


Michael saß in seinem Stammlokal. Er suchte dieses Restaurant beinahe jeden Abend auf um zu essen, zu trinken und um zu schreiben. Dieses war ihm die liebste Beschäftigung.
Es war ein Abend im Jänner und das Wetter entsprach annähernd der Jahreszeit. Draußen war es kalt und feucht, vereinzelt lagen Reste von Schnee auf den Gehsteigen. Eben einer jener Abende, an welchen man froh ist, in einem geheizten Raum zu sitzen und das Wetter draußen kalt sein zu lassen.
Doch für Michael war er kein normaler Abend. Er fühlte leichtes Unbehagen in sich, das beständig wuchs. Wie schon viele Male zuvor versuchte er, diesem Gefühl auf den Grund zu gehen. Er stellte es sich als einen Block aus weichem Material vor und begann, von diesem Block eine Scheibe nach der anderen abzuschneiden. Er betrachtete die Scheiben mit seinem geistigen Auge, so wie er es mit seinen sehenden Augen gemacht hätte, hätten sie aus fester Materie bestanden.
Auf diese Art und Weise hatte er in der Vergangenheit viele Male dem Unbehagen und anderen Gefühlen auf den Grund zu gehen vermocht und hatte letzten Endes, wie man sagt, mit ihnen umgehen können. Keineswegs waren sie kurz darauf verschwunden, oft waren sie wochenlang in ihm geblieben, doch hatte er stets das sichere Wissen gehabt, dass sie nicht für alle Zeit anhalten würden.
Doch an diesem Abend war es anders. Er konnte das Unbehagen, das von ihm Besitz ergriffen hatte, nicht analysieren. Er trank sein Bier aus, beglich seine Rechnung und verließ das Restaurant. Er ging mit langsamen Schritten in die Richtung, in der seine Wohnung lag, doch brachte er es anfangs nicht fertig, in die Straße einzubiegen, in der er wohnte. Michael zwang sich, den Schlüssel in die schwere hölzerne Haustüre zu stecken, mühte sich die Stufen bis in das sechste Stockwerk hinauf und war endlich in seiner Wohnung angekommen.
Er entkleidete sich und stellte sich unter die Dusche. Das heiße Wasser ließ das Gefühl, das ihn an diesem Abend befallen hatte, bloß noch intensiver werden, und da ihm auch kaltes Wasser keine Linderung brachte, stieg er aus der Dusche und setzte sich nackt auf sein Bett.
Er zwang sich durch langsames Atemholen in eine Art inneren Ruhezustand, der es ihm erlauben sollte, einen Ausweg aus dem Chaos seiner Gefühle zu finden. Er saß vierzig Minuten auf dem Bett, als er, wie aus einer Trance erwacht, bemerkte, dass er noch immer nackt und ihm kalt war.
Er öffnete seinen Kleiderschrank und legte, ohne sich dieser Handlung bewusst zu sein, Kleidung für eine Woche auf das Bett. Er nahm eine große Reisetasche und legte die Kleidungsstücke ordentlich hinein. Dann kleidete er sich an. Er ging in das Badezimmer und tat die wenigen Utensilien, die er für die Körperpflege benötigte, in seinen Kulturbeutel, den er ebenfalls in die Reisetasche legte.
Er versperrte seine Wohnung, nachdem er sich vergewissert hatte, dass sämtliche elektronischen Geräte ausgeschaltet waren, und stieg in die U-Bahn in Richtung des Bahnhofs.
Michael führte diese Handlungen wie ein unter dem Einfluss von Drogen stehender Mensch aus, doch war er nüchtern. In der U-Bahn stehend, dachte er: ›Vielleicht mache ich das, weil mir im Augenblick nichts Besseres einfällt. Und sollte es so sein, dass ich tatsächlich vor etwas davonlaufe, dann mache ich das wenigstens auf moderne Art und Weise. Indem ich davonfahre. Sollte ich dort, wo ich ankommen werde, Antworten auf Fragen finden, die ich mir noch nicht gestellt habe, gut. Wenn nicht, ist es auch gut.‹

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